Bibliotheken und NewsGuard: „Glaubwürdigkeitsampel“ gegen Fake News?

Die Browser-Erweiterung NewsGuard (NewsGuard Technologies) markiert in Ergebnisseiten von Suchmaschinen und in Social-Media-Streams die Links auf Treffer in Nachrichten-Websites mit einem Glaubwürdigkeits-Etikett nach dem Prinzip der „Nährwertampel“. Erklärtes Ziel der Anbieter ist es, auf diese Weise „Falschnachrichten, Fehlinformationen und Desinformationen zu bekämpfen“. Zugrunde liegt eine Bewertung der jew. Nachrichtenplattform, nicht jedoch, wie man es von Initiativen gegen Fake News kennt, ein Fact Check des betroffenen verlinkten Artikels. Für den Anfang deckt der Dienst nur US-basierte News-Sites ab.

Die NewsGuard-App gibt es seit November 2018 für mehrere Webbrowser zum kostenlosen Download. Bis Ende Januar hatten 35 fest angestellte Journalisten 2 200 News-Sites bewertet, Zielgröße für Amerika sind 7 500 News Sites.

Das besondere Augenmerk hiesiger Bibliotheken (und anderer Bildungseinrichtungen inkl. Schulen) verdient NewsGuard aus folgenden Gründen:

  • NewsGuard Technologies spricht in großem Rahmen gezielt Bibliothekssysteme an mit dem Ziel, dass diese seine App auf der Benutzer-IT implementieren.
  • In den USA, demnächst auch in Europa, ist offensichtlich eine flächendeckende Verbreitung auf dem Bildungssektor sowie – mittels Einbindung in Standardsoftware – darüber hinaus angestrebt, es läuft eine gezielte Werbung um einflussreiche Kooperationspartner.
  • Mit beträchlichem Einfluss auf die Mediennutzung und -kompetenz der Zielgruppe auch von Bibliotheken ist zu rechnen, wenn die Kampagne erfolgreich ist.
  • So integriert Microsoft NewsGuard seit Ende Januar d.J. per default in die Mobilversionen des „Edge“-Browsers, und ist mit allen größeren Technologie-Unternehmen und Plattformbetreibern im Gespräch,
  • sind für Ende April, vor der Europawahl, Ausgaben für UK, Italien, Frankreich und Deutschland angekündigt mit Bewertungen der jew. nationalen Nachrichtenseiten,
  • hat NewsGuard passgerecht vor Wahlen und zum Aktionsplan gegen Desinformation bereits seine Fühler in Richtung EU ausgestreckt.
  • Auch ökonomischen Druck versucht NewsGuard auszuüben, indem es sich gegenüber Anzeigenkunden der News-Sites als Hilfe zur Auswahl geeigneter Werbeplattformen profiliert, davon ausgehend, dass eine schlechte Bewertung Werbekunden abschreckt.
  • NewsGuard strebt offenbar eine dominante Präsenz in Suchergebnissen an, die mit den Prinzipien einer pluralistischen Gesellschaft nicht vereinbar wäre.

Wie funktioniert NewsGuard?

Nach NewsGuards eigener Darstellung überprüfen und beschreiben Journalisten die Nachrichten-Plattformen anhand von neun Kriterien, nehmen eine Punktebewertung vor, die in ein Gesamturteil mündet, das in Form einer „Ampel“ bei jedem einschlägigen Link in Rechercheergebnissen von Suchmaschinen und sowie in Streams präsentiert wird – vorausgesetzt, die App ist aktiv. Die Beschreibungen folgen einem vorgegebenen Schema (vier Beispiele). Per Klick auf das NewsGuard-Symbol bei den betroffenen Rechercheergebnissen sollen sie sich aufrufen lassen.

Wo findet man die detaillierten Sitebewertungen?

Mit den Beschreibungen dürfte bereits jetzt ein beeindruckender Fundus an Informationen existieren, der für diejenigen, die sich beruflich oder privat mit Nachrichtenportalen befassen oder NewsGuard kennenlernen möchten, von Interesse sein dürfte. Leider scheint es aber so, als seien die Site-Beschreibungen nur über die App-Funktionalität zugänglich, bisher blieb meine Suche nach einem zentralen Zugang jedenfalls erfolglos. NewsGuard ist allerdings erst seit sechs Monaten online.

Auch die mangelhafte technische Aufbereitung der PDF-Dateien erschwert die Arbeit mit dem Material unnötig, geurteilt nach den vier handverlesenen Beispielen: keine Suchfunktion, URLs nicht klickbar, kein Copy & Paste.

Die mit 29 Titeln umfangreichste, allerdings nur überblicksartige Zusammenstellung bewerteter Sites fand ich bei „Business Insider India“.

Dieses Video zeigt, dass nicht nur Nachrichtenplattformen im engen Sinn, sondern auch themenbezogene Websites bewertet werden, hier „what-is-fracking.com“ (bei Min. 0:57), das nicht einmal eine Nachrichtenrubrik aufweist. Spätestens jetzt stellt sich die Frage nach den Auswahlkriterien der zu bewertenden Websites. Hier endet die Transparenz, mit der NewsGuard wirbt. Auch steht die Frage der Neutralität im Raum, dies in besonderem Maß bei einem so kontrovers diskutierten Thema wie dem Fracking.

NewsGuard macht auf Aktualisierungen bereits erfolgter Site-Beschreibungen aufmerksam, auch hier jedoch ohne Zugang zu den vollständigen Beschreibungen zu ermöglichen.

Wer steht hinter NewsGuard?

Das Team („Co-CEOs Steven Brill and Gordon Crovitz are veteran journalists and news entrepreneurs. Steve founded The American Lawyer, Court TV, and the Yale Journalism Initiative. Gordon was publisher of The Wall Street Journal and a columnist for the paper“), der Beirat, die Geldgeber, die laut NewsGuard inhaltlich keinen Einfluss nehmen, sind in der Website aufgeführt.
Die Beiräte bekleideten lt. NewsGuard früher u. a. folgende Positionen: Secretary of Homeland Security; Undersecretary of State for Public Diplomacy (Obama administration); Director of the CIA, of the NSA and Principal Deputy Director of National Intelligence (George W. Bush administration); White House Communications Director (Clinton administration).
Über Crovitz schreibt die Electronic Frontier Foundation (EFF), er habe im Wall Street Journal eine irreführende und fehlerbehaftete Kolumne zur NSA-Überwachung geschrieben.

NewsGuard in Bibliotheken

Die American Library Association (ALA) lehnt eine Anwendung oder Billigung von Kennzeichnungs- und Rating-Systemen seitens Bibliotheken generell ab. Sie wäre eine Verletzung der Library Bill of Rights und möglicherweise verfassungswidrig.

In Europa führt NewsGuard bereits Gespräche mit Bibliotheken:

„The other thing we are doing with libraries and educators all across the United States and when we are talking to library systems in Europes doing a kind of pragmatic [unverständlich] on news literacy by explaining with our nutrition label what the nine elements are,

so Co-CEO Steven Brill in seinem Beitrag auf einer Podiumsdiskussion der EU-Kommission (Min. 4:19:52; Video nicht mehr online verfügbar, ursprünglich unter http://videos.freecaster.com/fc/freecaster/ElcOMGcbxq_720p.mp4 via https://ec.europa.eu/digital-single-market/en/news/countering-online-disinformation-towards-more-transparent-credible-and-diverse-digital-media), die er nutzt, um NewsGuard in der EU bekannt zu machen (1).

Die School Library Association (SLA), UK, legt Schulbibliothekaren nahe, bei Eltern und Jugendlichen für NewsGuard zu werben, und beabsichtigt, Bildungspakete für Schulbibliothekare zu erstellen.

Laut NewsGuard haben sich bisher mehr als zweihundert US-Bibliotheken für die Implementation von NewsGuard auf Benutzerrechnern entschieden, wie diese eher zufällig herausgegriffenen Berichte illustrieren mögen: Hawaii State PL System (auf über 700 Rechnern), Colorado State Library, Toledo Lucas County PL System.

Media literacy is at the core of the public library’s business“ erkennt Jason Kucsma, Toledo, mit der Übernahme der NewsGuard-App an. Die PL sei in das Projekt unter Einhaltung ihrer Sorgfaltspflicht eingestiegen. Die dann aufgezählten Vorzüge von NewsGuard konnte man bereits auf dessen Website nachlesen. Folgt man Kelsey Kogan, ebenfalls Toledo, wäre Zensur für Toledoer Bibliotheken die einzige Alternative zu NewsGuard, wenn er offensichtlich zustimmend Crovitz zitiert: “Rather than censoring news sites and telling patrons what they can or cannot read, librarians can use NewsGuard to provide patrons with context about their sources”.

Kritik aus bibliothekarischer Sicht übt Jennifer Dixey.

Taugt NewsGuard zum Kampf gegen Fake News?

Site-Rating erzeugt pauschal Vertrauen oder Mißtrauen, vom blinden Vertrauen bis zum Klickverzicht. Die Auseinandersetzung mit Fake News spielt sich dagegen auf der Ebene eines einzelnen Nachrichtenartikels ab, auf dessen Qualität vom Site-Rating aus zu schließen jedoch sachlich nicht möglich ist. Eine Verallgemeinerung bis hinunter zur Artikelebene müsste als vorurteilsgeleitetes Verhalten angesehen werden, das auf dem Gebiet der Information eben keinen Platz haben darf.

Fake News sind nicht die ausschließliche Domäne der „üblichen Verdächtigen“ wie „Breitbart“ oder „RT“, die NewsGuard erwartungsgemäß negativ bewertet. Auch in der Mitte der Gesellschaft etablierte Nachrichtenseiten, Kanditdaten für eine gute NewsGuard-Wertung, produzieren Fake News. Umgekehrt sind nicht alle Beiträge der negativ bewerteten Sites „gefaked“. Zu diskutieren wäre, ob eine unkritische Haltung gegenüber den Mainstream-Medien nicht sogar den größeren Schaden anrichten würde, weil deren „Fakes“ im Normalen mitschwimmend schlecht erkennbar sind, außerdem von einer größeren Reichweite auszugehen ist.

Die Hauptarbeit im Umgang mit Fake News besteht darin, falsche Behauptungen dingfest zu machen inkl. der nötigen Recherche. Dabei geht es nicht um etwas Vages wie „Vertrauenswürdigkeit“ oder „Zuverlässigkeit“, sondern um konkrete, harte Fakten. Hier hilft NewsGuard kaum weiter. Im Gegenteil: anstatt die Kritikfähigkeit der Benutzer zu fördern, lädt ein einfaches Farbschema dazu ein, einer (vermeintlichen) Authorität zu vertrauen.

Weitere Einwände, Kritik

Eine unabhängige kritische Analyse der Bewertungskriterien und -praxis, der Auswahlkriterien und der Site-Beschreibungen ist noch ein Desiderat. Insbesondere  stellt sich angesichts der Zusammensetzung des Beirats von NewsGuard die Frage nach der Neutralität.

Kritik liest man vor allem seitens der „üblichen Verdächtigen“ bzw. ihres Umfelds (2), aber auch von dem im grünen Bereich angesiedelten Recode sowie Arjun Moorthy, dem Gründer eines Konkurrenzunternehmens, CivikOwl.

Wenn Bibliotheken ein Rating als Hilfe für Benutzer für geeignet halten, sollten sie kompetent und neutral einen eigenen Bewertungsdienst für die nationale Medienlandschaft ins Leben rufen. Kooperativ sollte das zu schultern sein.

(1) „Report from fact-checking organisations: How can the fact-checking community help ensure a fair public debate?“, moderiert von Paolo Cesarini, EU-Kommission, im Rahmen der EU-Konferenz “Countering online disinformation“ am 29.01.
 (2) https://medium.com/@J450NK/at-the-library-media-literacy-is-our-business-168f6007ce4c
https://consortiumnews.com/2019/01/18/narrative-control-firm-targeting-alternative-media/
https://www.globalresearch.ca/how-a-neocon-backed-fact-checker-plans-to-wage-war-on-independent-media/5665258
http://www.educationviews.org/newsguard-launches-war-on-alternative-media/
http://www.ronpaulinstitute.org/archives/featured-articles/2019/january/28/newsguard-a-neoconservative-contrivance-which-promotes-an-establishment-view/
https://www.mintpressnews.com/newsguard-european-union/254453/
https://www.mintpressnews.com/newsguardneocon-backed-fact-checker-plans-to-wage-war-on-independent-media/253687/
https://www.strategic-culture.org/news/2019/01/12/how-neocon-backed-fact-checker-plans-wage-war-on-independent-media.html

Parallel veröff. in archivalia: https://archivalia.hypotheses.org/97755]
Es gilt die Lizenz CC BY 4.